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Corona und die digitale Transformation

Wie ein Virus die Digitalisierung vorantreibt

von - 12.06.2020
Digitales Virus
Foto: AK-Snapshot / shutterstock.com
Viele Unternehmen realisieren gerade jetzt in der Corona-Krise, dass digitalisierte Prozesse nicht allein zur Effizienzsteigerung beitragen. Sie sind überlebenswichtig.
Von einem Tag auf den anderen war sie da, die von Analysten schon längst beschworene Welt der verteilten virtuellen Teams. Um die Ausbreitung des Corona-Virus SARS-CoV-2 zu verlangsamen und eine Überlastung der Gesundheitssysteme zu verhindern, wurden nahezu weltweit drastische Ausgangsbeschränkungen erlassen. Schüler durften nicht zur Schule, Studenten nicht zur Uni und Arbeitnehmer nicht ins Büro. „Modern Work“ am „Digital Workplace“ wurde über Nacht vom Buzzword zum Alltag.
Auch in Deutschland änderte sich die Einstellung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zum Thema Homeoffice innerhalb kürzester Zeit grundlegend. Noch im vergangenen Jahr erklärten 84 Prozent der von der Initiative D21 für den „Digitalindex 2019/2020“ befragten Arbeitnehmer, sie könnten oder wollten nicht aus dem Homeoffice arbeiten. Im März 2020 lehnten bei einer Befragung durch den Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) dagegen nur noch 10 Prozent der teilnehmenden Angestellten Heimarbeitsplätze kategorisch ab.
Dem Marktforschungsunternehmen Forrester Research zufolge funktionierte die Transformation zum Heimarbeiter bei den meisten besser als erwartet. „Die Arbeitnehmer sind wesentlich flexibler, als viele Arbeitgeber das vielleicht gedacht haben“, berichtet Pascal Matzke, Vice President & Research Director bei Forrester Research. Nur 21 Prozent der von seinem Team für den „European PandemicEX Survey“ befragten deutschen Arbeitnehmer beklagten eine geringere Produktivität im Homeoffice, und nur ein Drittel wollte so schnell wie möglich wieder zurück ins Büro.
Pascal Matzke
Pascal Matzke Vice President und Research Director bei Forrester Research
www.forrester.com
Foto: Forrester Research
„Es geht in Zukunft mehr um Effektivität als um Effizienz.“
„Im Europavergleich kommen die Deutschen überdurchschnittlich gut mit dem Homeoffice zurecht“, erklärt Matzke. „Europaweit ist nämlich fast ein Drittel der Befragten mit seiner Produktivität im Homeoffice unzufrieden, und fast die Hälfte will so schnell wie möglich wieder zurück an den Firmenarbeitsplatz.“ Auch das Zusammenspiel von Privatleben und Job klappte in Deutschland überdurchschnittlich gut. „Nur 13 Prozent sahen in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Problem“, rechnet Pascal Matzke vor, „im Europadurchschnitt waren es rund 30 Prozent.“
Die deutschen Arbeitgeber kommen laut Forrester allerdings mit dem Modern Workplace weniger gut zurecht als ihre Angestellten. „Unternehmen tun sich schwer, ihre Mitarbeiter im Homeoffice adäquat zu unterstützen“, weiß der Research Director. Nur 42 Prozent der Befragten gaben an, ihr Unternehmen verfüge über die notwendigen technischen Ressourcen, um Homeoffice zu ermöglichen, und lediglich 37 Prozent gewährten ihren Angestellten am Heimarbeitsplatz genügend Flexibilität für die Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Familienmitgliedern. Europaweit waren es mehr als die Hälfte.
Arbeit sei hierzulande außerdem immer noch sehr stark mit physischer Präsenz verbunden, so der Forrester-Analyst weiter. „Viele Arbeitgeber möchten ihre Mitarbeiter gerne von
9 bis 17 Uhr im Büro haben.“ Der Industriestandort Deutschland ist laut Matzke zudem sehr viel stärker vom produzierenden Gewerbe geprägt als etwa Großbritannien oder Italien. „In den Fabriken lassen sich die meisten Arbeiten nicht ohne die Anwesenheit der Mitarbeiter erledigen.“
Matzke ist überzeugt davon, dass die positiven Erfahrungen mit dem Digital Workplace langfristig nachwirken werden: „Ein Zurück zur alten Arbeitswelt kann ich mir schwer vorstellen.“ Deutschland werde zwar nicht zu einer Nation der Homeoffice-Arbeiter, mehr Flexibilität sei aber für beide Seiten von Vorteil. „Auch die Unternehmen müssen die Chancen erkennen, die weniger starre, adaptive Arbeitsprozesse mit sich bringen.“ Dazu sei vor allem ein kultureller Wandel notwendig. „Technologie ist nicht das Problem“, betont Matzke, „es geht vielmehr darum, Kontrolle abzugeben, das Silodenken der Fachbereiche aufzubrechen und neue Kommunikationswege zu etablieren.“
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